WIE KONNTE ICH SO BLIND SEIN?

Wie kann es sein, dass ich mich so habe täuschen lassen? Warum habe ich nichts davon gemerkt? Das waren Fragen, die irgendwann einmal in meinem Kopf herumgeschwirrt sind, als ich nach langer Zeit endlich durchschaut habe, dass mich eine Person jahrelang manipulierte und mich für eigennützige Beweggründe missbrauchte.

Viele Jahre war ich mit einer Frau befreundet, für die ich wahrscheinlich mein letztes Hemd gegeben hätte. Für mich eine Freundschaft auf Augenhöhe, jemand für die ich auch nachts erreichbar war, für die ich alles stehen und liegen gelassen hätte, wenn meine Hilfe notwendig gewesen wäre. Wahrscheinlich befand ich mich sogar in einer Art Abhängigkeit. Das wurde mir jedoch erst bewusst, als ich die Freundschaft mit großer Distanz betrachtet habe – nämlich dann, als alles bereits vorbei war.

Ich traf sie in einer Zeit, als es mir nicht so gut ging. Schlecht für mich, gut für sie. Ich war emotional empfänglich, freute mich über ihre Zuwendung, war geschmeichelt von ihren netten Worten und dachte, endlich das gefunden zu haben, was ich schon die ganze Zeit suchte und irgendwie ja auch verdiente. Jemanden, der für mich da war, der an einer echten und wahren Freundschaft interessiert ist.

Das Unterbewusstsein merkt schnell

Unterbewusst merkt man es wahrscheinlich schon lange, aber im Verdrängen war ich schon immer ganz besonders gut. Kamen leise Zweifel, wurden die sofort ignoriert. Und eigentlich hatte ich ja auch gar keinen Grund, denn eigentlich war doch irgendwie alles gut. Eigentlich. Und die Erfahrung lehrte mich, dass man Zweifel doch ernst nehmen sollte und ein »Eigentlich« beachtet werden muss. »Eigentlich« ist nie gut, denn wenn es eigentlich gut ist, dann ist es eigentlich auch irgendwie schlecht.

Ich brauchte viele Jahre um zu erkennen, dass mein Wohlergehen dieser Person nie am Herzen lag, denn viel eher stand die Frage im Raum, wie sie selbst durch mich profitieren konnte. Eine Erkenntnis, die mir einiges erspart hätte, wenn ich sie früher getroffen hätte, aber manipulative Menschen beherrschen ihr Spiel perfekt, wiegen dich in Sicherheit und nutzen dich als Spielball ihrer Machenschaften.

Wie kann man so blind sein?

Das ist die Frage, die man sich zwangläufig stellt, wenn die Seifenblase platzt, man endlich klarsieht und so langsam ins Gedächtnis sickert, dass die letzten Jahre eine große und einzige Lüge waren. Eine Lüge, die auf einer schönen Geschichte aufgebaut war, die einen viele Jahre begleitet hat und von der doch nichts wahr zu sein scheint. Die Enttäuschung wiegt schwer. Aber noch größer ist die Enttäuschung auf sich selbst, weil man sich eigentlich immer für einen aufgeklärten Menschen gehalten hat, der merken würde, wenn es andere nicht ernst mit einem meinen, der Manipulation fünf Meter gegen den Wind riecht und der niemals auf so eine Art Mensch hereinfallen würde.

Es gab sie, diese Menschen, die mich direkt darauf hingewiesen haben, die sehr schnell gemerkt haben, dass diese Person es nicht gut mit einem meint, dass sie nicht auf meinen Vorteil bedacht war und ganz sicher ein falsches Spiel spielt. Doch diese Zweifel wischt man weg. Man überlegt nicht zu lange, verliert sich nicht in den Gedanken, weil das Gefühl doch eigentlich ganz andere Dinge sagt. Und wenn doch leise Zweifel aufkommen, dann werden die einfach verdrängt. Verdrängen hilft nämlich immer.

Was ich daraus gelernt habe:

Wenn man manipulativen Menschen begegnet, dann kann das großen Schaden anrichten. Weil man vertraut und es niemals nie einen Zweifel daran gibt, dass dieses Vertrauen nicht gerechtfertigt wäre. Sie sind zuvorkommend, mitfühlend, haben Verständnis und vermitteln das Gefühl, wahre Freunde zu sein. Jemand, der immer für einen da ist und bei dem man sich fallen lassen kann. Jemand, der es gut mit einem meint.

Aber sie schieben die Schuld auch gerne auf andere. Sie sind niemals die Ursache des Problems, sondern nur das hilflose Opfer. Sie haben nichts falsch gemacht und demnach kein Verständnis für die Enttäuschung des anderen. Gutmütig bist du auch? Perfekt! Du bist damit das auserwählte Opfer, denn deine Gutmütigkeit wird schamlos ausgenutzt. Lob und Komplimente sind nicht ernst gemeint, sondern dienen eher dazu, dich bei Laune zu halten und dir ein gutes Gefühl zu vermitteln.

Wie konnte das passieren?

Ja, es ist schmerzhaft, wenn die Wahrheit dann doch ans Licht kommt. Man zweifelt an sich selbst, seinem Verstand, seiner Menschenkenntnis. Wie konnte man jahrelang nicht merken, welches böse Spiel mit einem getrieben wurde? Wie dieser Mensch doch tatsächlich ist? Warum hat man seinen wahren Charakter nicht erkannt? Geheuchelte Worte und Taten, andere Absichten, als man selbst sie hatte. 

Dann kommt der Punkt, an dem man zweifelt und allen anderen ebenso böswillige Absichten unterstellt. An dem man mit sich hadert und wohl überlegt, welchen Menschen man noch vertrauen kann, vertrauen möchte. Die Erfahrung ist bitter, aber dennoch sollte man auch weiter an das Gute im Menschen glauben, denn die meisten sind es tatsächlich. Aufrichtig, mitfühlend, ehrlich an einer Person interessiert und nicht nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

Manipulation in Buchform

Auch in »Temper – Ist es die Rolle ihres Lebens? Oder ein Spiel um die Macht…« von Layne Fargo hat es Hauptdarstellerin Kira mit einem manipulativen Menschen zu tun und durchschaut das Spiel lange Zeit nicht. Während sie alle vor Malcom Mercer warnen, ist sie fasziniert von seiner Präsenz und Ausstrahlung und steuert gleichzeitig immer tiefer dem Abgrund entgegen – und fühlt sich aber auch immer mehr zur Gegenwehr provoziert. Ein spannendes psychologisches Drama, dass den Leser immer tiefer in seinen Sog zieht und so schnell nicht mehr loslassen wird.

Ein Beitrag von Petzi von www.dieliebezudenbuechern.de