WEM VERTRAUEN WIR UND WARUM?

„Vertrauen“ in Worte zu fassen, fällt mir schwer. Was sorgt dafür, dass ich mich einer Person anvertraue, einer anderen aber nicht? Ist es die gemeinsam verbrachte Zeit? Gemeinsamkeiten? Verwandtschaftsgrad? Intimität? Alles zusammen? Oder doch gar nichts davon?

Und was bedeutet „Vertrauen“ im Alltag? Sind es immer direkt die großen Geheimnisse, die zwischen Menschen stehen oder können es nicht auch Kleinigkeiten sein, die einen Menschen zu einer Vertrauensperson für uns machen? Die Person, auf die man sich verlassen kann. Nicht, weil sie mögliche Geheimnisse für sich behält, sondern, weil sie für einen da ist. Bedingungslos. Darum ist Vertrauen so ein wichtiger Bestandteil zwischenmenschlicher Beziehungen. Egal, ob Freundschaft oder Liebesbeziehung.

In „Aus schwarzem Wasser“ steht für Maja viel auf dem Spiel, als sie sich entschließt, Efrail zu vertrauen. Sie kennt den Assistenten ihrer verstorbenen Mutter nicht und doch legt sie ihr Leben in seine Hände. Wie aber entsteht Vertrauen, wenn es doch keine gemeinsame Grundlage dafür gibt?

Im Falle von Maja und Efrail beginnt ihre gemeinsame Geschichte mit Misstrauen und Lügen – also genau dem Gegenteil von Vertrauen. Efrail rettet Maja vor einem Angriff, den er selbst in Auftrag gegeben hat, um Informationen von Maja zu erhalten. Doch nachdem sie mehr Zeit miteinander verbringen (müssen) und sich besser kennenlernen, fällt das Lügengerüst, das Efrail aufgebaut hat, in sich zusammen – sodass neuer Raum für Vertrauen entstehen kann.

„Was hast du mit der Uhr gemacht?“, frage ich dann.
„Ich habe sie jemandem gegeben, dem ich vertraue.“

„Weil du mir nicht vertraut hast“, sage ich. Es ist keine Frage, es ist eine Feststellung. Trotzdem nickt Maja. „Du dachtest, ich würde deine Sachen durchsuchen.
„Hättest du das denn nicht?

„Vermutlich schon
“, gebe ich zu. Und dann frage ich: „Vertraust du mir jetzt?“

Sie antwortet nicht.  (Seite 478f.)

Maja und Efrail müssen sich gegenseitig vertrauen, um ans Ziel ihrer Reise zu gelangen. Und das ist vielleicht der Schlüsselpunkt von „Vertrauen“: Gegenseitigkeit. Vertrauen funktioniert wechselseitig in beide Richtungen. Wenn man einer Person bedingungslos vertraut, tut diese das im besten Falle auch und öffnet sich einem ebenfalls, was wiederum zu mehr Vertrauen führt. Ein Kreislauf, der aber auch ins Wanken geraten kann.

So ergeht es Robert Stein und Patricia Kohlbeck, Majas Mutter. Jahrelang hatten die beiden ein Verhältnis miteinander, haben zusammen ein Geheimnis gewahrt. Doch Patricia bricht mit Robert. Das Vertrauen, das er in sie hatte, stellt sich als falsch heraus. Patricia hat nach eigenen Regeln gespielt – bis zum Ende.

Robert schaut aus dem Fenster. Auf das schwarze Wasser, das die ganze Stadt verschluckt, die Sonne scheint darauf, die Oberfläche glitzert. Er stand genau hier an jenem Tag. Und er fühlte dasselbe wie jetzt. So, als wäre es derselbe Moment. Robert wünschte fast, es wäre so, dann könnte er sich anders entscheiden. Die Frage ist, ob er das würde. Wohl eher nicht.

„Du hast mich verraten“, hat er zu ihr gesagt. Und bei der Erinnerung daran, spürt er die Enttäuschung in sich aufsteigen, das Zittern in seiner Stimme, die unterdrückten Tränen. (Seite 545)


Vertrauen kann dazu führen, dass wir die Augen vor der offensichtlichen Wahrheit verschließen. Dass wir uns selbst belügen, um den anderen oder die andere in Schutz zu nehmen. Irgendwann ist das aber nicht mehr möglich – und die Beziehung zerbricht unweigerlich.

Verloren gegangenes Vertrauen wieder aufzubauen, ist um ein Vielfaches schwerer. Wir zweifeln nicht nur an der anderen Person, sondern auch an uns selbst. Ist man selbst zu naiv gewesen? Was ist mit den anderen Menschen in der Umgebung? Kann man ihnen wirklich vertrauen?

Solche emotionalen Wunden heilen nur sehr schwer.

Vertrauen ändert alles. Wenn wir einer Person vertrauen, öffnen wir uns ohne Angst vor Zurückweisung. Wir fühlen uns verstanden, wissen um eine uns wohlgesonnene Schulter zum Anlehnen. Vertrauen bedeutet andererseits aber auch, dass wir füreinander einstehen. Wir werden zum Fels in der Brandung, egal, wie ungewiss die Zukunft ist.

Auch deshalb ist Vertrauen ein so hohes Gut. Und sollte nicht leichtfertig vergeben werden.

Ein Artikel von Marina @nordbreze