WAS SOCIAL MEDIA MIT UNS MACHT

©Alice Donovan Rouse

Die virtuelle Welt mit all den kreierten Alter Egos hat sich für die Generation der Digital Natives zu einer alltäglichen Parallelwelt entwickelt. Ein Fakt, der Fragen aufwirft: Wie viel Zeit verbringt man in welcher Welt? Und: Wer ist man wirklich?

Wir alle kennen sie längst, haben tausendfach darüber gelesen und sind davor gewarnt worden: Die virtuell gemeißelten Scheinwelten, die die Social Media Plattformen mit sich gebracht haben. Instagram oder Facebook sind für uns lange keine Tools mehr, um Bilder der engsten Freunde zu bewundern und zu kommentieren — unter unseren Abonnenten befinden sich Bands, Modemarken, berühmte Persönlichkeiten, Großkonzerne, Politiker und eine gewisse Gruppe namens Influencer, von denen wir gar nicht so genau wissen, wer sie eigentlich sind und was sie vorher gemacht haben.

Fakt ist: Die virtuelle Welt ist kein Trend, der wieder verschwinden wird und nur immer wieder den negativen Seiten Beachtung zu schenken kein Weg zu einer Bewusstseinsveränderung. Der Reiz sich selbst neu zu erschaffen oder gar zu inszenieren und die Zahl der eigenen Abonnenten nach oben zu treiben, lässt sich schwer leugnen. Wer würde nicht gerne als die scheinbar perfekte Version seiner Selbst wahrgenommen werden? Schwer darauf nein zu sagen, oder? Und generiert dieses Ich auch noch Zuneigung und Bewunderung in Form von stetig steigenden virtuellen »Freunden«, ist es ein Leichtes ihm Platz zu schaffen. Vor allem dann, wenn Firmen sich melden, um bezahlte Kooperationen einzugehen und man in diesem Kosmos ein Jemand wird, der auf eine Art und Weise für andere wichtig zu sein scheint und Einfluss hat.

Als Freiberuflerin verwalte ich selbst fünf Instagram Kanäle, einer davon hat eine Abonnentenzahl im fünfstelligen Bereich. Sehr schnell wurde mir klar: Es ist gar nicht so leicht dem Druck der sozialen Medien zu entkommen, hat man dort einmal eine Präsenz aufgebaut. Wo ich gehe und stehe, fühle ich mich in die Verantwortung gezogen Momente festzuhalten und zu teilen. Seien das nun, banal aufgezählt, Bilder vom sorgsam drapierten Mittagessen, Momentaufnahmen von Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, der abendliche Konzertbesuch oder der Gang zum Sport. Die Content Produktion wurde für mich nach und nach ein ständiger Begleiter im Alltag. Und der Druck überall erreichbar sein zu müssen zu einer Gewohnheit, die ich nicht wirklich als Belastung wahrgenommen habe. Bis zu dem Moment, in dem sich diese Verantwortung in mein Privatleben eingeschlichen und auch hiervon mehr und mehr Zeit eingenommen hat.

Genau an dieser Stelle sollte also immer die Grenze liegen, damit auch der Job nur ein Job bleibt. Diese Erkenntnis hat mich dazu gebracht mich selbst mit diversen Fragen zu konfrontieren:

Wie viel Zeit verbringe ich in welcher Welt? Und welchen Stellenwert haben all diese online gewonnen Fremden im Vergleich zu den Freunden, die ich auch im realen Leben um mich habe? Liegt das Verhältnis bei 50/50 ist der Anteil der virtuellen Welt bereits beunruhigend hoch.

Ein Blick in meinen Bekanntenkreis zeigt, dass man bei den Konsumenten dringend unterscheiden muss. Für viele meiner Freunde dient Social Media zum reinen Unterhaltungszweck, der einfachen Aufnahme und Verbreitung von Nachrichten sowie der Beschaffung von Tipps rundum die Freizeitgestaltung. Dafür ist Social Media praktisch und dank seiner Schnelllebigkeit eine wirkliche Chance wichtige Dinge lauffeuerartig zu verbreiten.

Für jene Bekannte ist es wiederum besorgniserregend wie sehr meine Arbeit in meine Freizeit und mein Privatleben eingreift. Der Umgang mit Social Media auf diese Weise ist ihnen nahezu fremd. Reflektierend betrachtet, kann ich diese Sorge nachvollziehen. Aus den nun folgenden Worten kann ich mich aber guten Gewissens rausnehmen:
Ich denke, der Ernst bei dem Spiel beginnt für beide Seiten dann, wenn man sich dem perfekten Schein hingibt und sich darin verliert. Wenn Likes unter einem Post im Verhältnis zum momentanen Selbstbewusstsein stehen, schöne Momente nur noch durch die Handykamera erlebt werden. Wenn das virtuelle Ich und die Pflege dessen einen höheren Stellenwert hat, als das Leben in dem man sich physisch bewegt. Dann ist eine ungesunde Abhängigkeit entstanden, die im schlimmsten Fall mit dem kompletten Realitätsverlust endet.

Je mehr Zeit man online verbringt und anderen dabei zusieht, wie diese ihr Leben leben, desto mehr Zeit vergeht in der man es selbst nicht tut. Ein geschriebener Kommentar eines unbekannten Fremden sollte niemals so viel Gewicht haben, wie der eines guten Freundes von Angesicht zu Angesicht.



Mit dieser Thematik ist auch Protagonistin April May im Buch ›Ein wirklich erstaunliches Ding‹ von Hank Green konfrontiert. Quasi über Nacht wird sie unverhofft durch ein einzelnes Video zu einer weltweit gefeierten YouTuberin, die von den Medien regelrecht überrannt wird. In der Hysterie um ihre Person, die nicht nur auf Bewunderung fußt, kristallisiert sich für April nach und nach eine Frage heraus: Wie viel bin ich bereit von mir selbst für den Fame zu geben?

(c) Annika Wagner