VOM LAND IN DIE STADT – WARUM ES DIE GENERATION Y IN DIE STADT ZIEHT …

Ich bin ein Dorfkind. Ich habe meine Kindheit in einem kleinen Vorort im Rhein-Nahe-Tal verbracht und wollte eigentlich immer nur raus. Nicht, weil ich eine schlechte Kindheit hatte – ganz im Gegenteil. Ich war in dem Ort integriert, bei jeder Tanzshow dabei und hatte die schönste Kindheit, die ich mir hätte wünschen können. Aber irgendwie fehlte immer etwas. Als sei ein Teil von mir noch nicht an seinem richtigen Platz. Als ich mich dann endlich für Universitäten bewerben durfte, kam auch erst einmal keine infrage, die im Umkreis von 200 km lag – sehr zum Leidwesen meiner Eltern. Pünktlich mit 18 kam dann also der Umzug in die Stadt, 560 km von der Heimat entfernt.

Ähnlich ergeht es auch Aisling in ›OMG, diese Aisling!‹ von Sarah Breen und Emer McLysaght Sie ist in einem verschlafenen irischen Örtchen aufgewachsen und zieht ins kontrastreiche Dublin. Doch wieso zieht es unsere Generation in die Stadt, wo hohe Mieten, wenig Natur und ein konstanter Lärm den Alltag bestimmen?

Ich glaube, keine Generation vor uns wurde so sehr von anderen Menschen und Fremden geprägt wie wir. In den Zeiten unserer Eltern gab es Popkultur, Stars und New-York-Großstadtszenen im Fernsehen, ja. Berühmt waren aber die anderen, nicht man selbst. Sie taten die verrückten Dinge, die man nach Feierabend im Fernsehen sah. Heute öffnen wir unsere Instagram-Storys und sehen Menschen, die genauso sind wie wir: nicht berühmt, keine Fernsehstars, aufgewachsen in kleinen Dörfern – und jeder von ihnen macht das eine große Ding. Er geht ins Ausland, sie zieht in die Großstadt, wieder ein anderer veröffentlicht ein Buch. Es braucht keine Umzüge nach LA, keine Castings mehr, um erfolgreich zu werden, um „anders“ zu sein. Alles, was es scheinbar braucht, sind ein Smartphone und WLAN. Alles, was es braucht, um Geschichten zu teilen, sind wir selbst.

Wer von uns hatte nicht einmal den Gedanken, „das da“ auch zu wollen? Die meisten glauben, dass meine Generation sich auf Instagram nur inszeniert. Dabei ist es dank des Internets nicht nur jedem möglich, eine andere Version seiner selbst zu sein – es ist auch jedem möglich, endlich zu sein, wer er ist. Ohne Entschuldigungen und ohne Maske. Im Dorf wurde ich ausgelacht, wenn ich die mit Büchern gefüllte Tüte von der Bibliothek nach Hause trug. Im Internet fand ich eine ganze Community von Bücherfans. Im Dorf ist Non-Binarity ein Fremdwort, im Internet stieß ich auf die queere Szene und fühlte mich Zuhause.

Das Internet erreicht selbst die verschlafensten Vororte (wenn auch mit schrecklicher Geschwindigkeit) und so prallen plötzlich zwei Welten aufeinander. Mich persönlich hat es offener gemacht. So offen, dass mir die Schranken des dörflichen Lebens nicht mehr gereicht haben und es mich sehr früh sehr weit weg zog. In der Stadt fand ich, was ich vorher nur online kennengelernt hatte. Was sich als Tweets und Instagram-Posts in meinem Kopf einnistete, wurde auf Demonstrationen, an der Uni und auf Partys plötzlich real: Akzeptanz, Feminismus, Diversität, Farben – all das brachte die Stadt mit sich.

Natürlich spielen Faktoren wie Infrastruktur, Studium und Arbeitsplätze eine Rolle dabei, wieso es Menschen in die Stadt zieht. Hat es schon immer. Aber ich glaube, es ist mehr als das. Ich glaube, Städte sind Ballungszentren von Menschen, die endlich ankommen an dem Ort, den sie immer gesucht haben. Aisling findet in der Stadt zu sich selbst, wird akzeptanter und mit Dingen konfrontiert, die sie in ihrem bisherigen Leben nur peripher berührten. Es ist nicht möglich, in der Stadt zu leben, ohne sich zu verändern. Für sie, wie auch für mich, bedeutet diese Veränderung, eine positive Entwicklung durchzumachen. Denn plötzlich sieht man die Welt nicht mehr bloß durch die Linse der anderen – man ist selbst mittendrin.

Und wenn es uns doch einmal zu laut wird, können wir jederzeit zurückkehren. Das Handy zur Seite legen, dem Trubel entkommen und zurück aufs Land fahren. Unser Essen mal nicht für Instagram fotografieren. Die Cocktailbar gegen das Dorffest tauschen. Sei es für eine Woche oder länger. Ich habe Sarah und Emer, die Autorinnen von ›OMG, diese Aisling!‹ in Dublin getroffen und sie haben es eigentlich ganz schön gesagt: Seit sie in der Stadt leben, können sie das Dorf, die Ruhe und Entschleunigung wieder genießen. Sie haben das Beste aus beiden Welten.

Und so sehr ich die Stadt auch liebe – ich kehre immer wieder gerne zu meinen Wurzeln zurück.

Ein Artikel von Anabelle von www.stehlblueten.de