QUEERE LABEL – WIE SIE UNS DEFINIEREN UND WARUM WIR UNS NICHT FÜR IMMER AUF EINES FESTLEGEN MÜSSEN

Mein Name ist Rebecca und ich bin queer. Vor wenigen Jahren habe ich festgestellt, dass ich nicht nur Männer mag, sondern auch Frauen. Also dachte ich, ich bin bisexuell. Aber nach langem Denken und Recherchieren, Erfahrungen sammeln und in mich gehen, würde ich heute eher sagen, dass ich pansexuell bin. Viele werden sich nun vermutlich fragen: „Was bedeutet denn pansexuell oder bisexuell? Und was ist der Unterschied?“

Laut dem aktuellen Stand des Duden finden sich für diese beiden Begriffe folgende Definitionen:

„bisexuell“: ein sowohl auf Personen des anderen als auch auf Personen des gleichen Geschlechts gerichtetes Sexualempfinden, sexuelles Verlangen habend; sowohl hetero- als auch homosexuell.

“pansexuell“: zu allen Geschlechtern und Geschlechtsidentitäten sexuell hingezogen.

Für mich ist es schwierig, mit Fremden über diese Bezeichnungen und Label im Allgemeinen zu reden, weil dadurch meist noch mehr Fragen entstehen, und die sind dann teils ganz schön persönlich oder taktlos. Darüber möchte ich einfach nicht mit jedem diskutieren. Daher habe ich für mich beschlossen, zu sagen „Ich bin queer“, wenn ich gefragt werde. Nach der Definition des aktuellen Stands des Duden bedeutet „queer“ zu sein „einer anderen als der heterosexuellen Geschlechtsidentität zugehörig“ zu sein.

In diesem Zusammenhang begegnet einem oftmals auch der Begriff „LGBT“. „Das Akronym kommt aus dem Englischen und steht für: Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender. Das deutsche Pendant, LSBT (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender), wird kaum verwendet. Oftmals wird der Begriff um weitere Buchstaben ergänzt, zum Beispiel: LGBTQIA (Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Queer, Intersex, Asexual). All diesen Begriffen ist gemeinsam, dass sie auf das Konzept der Heteronormativität aufmerksam machen.“ (vgl. Diversity Glossar)

Ich selbst fühle mich der LGBTQIA+ Community zugehörig, auch wenn ich aktuell in einer heterosexuellen Beziehung lebe. Und der Grund, weshalb ich diesen Artikel schreibe, ist, weil ich der Meinung bin, dass man mehr und vor allem offen über Label reden sollte. Ein „Label“ ist eine Bezeichnung, „die Menschen benutzen, um ihre Sexualität und/oder ihre Geschlechtsidentität zu beschreiben. Der Sinn von Labels ist, dass Menschen eine gemeinsame Sprache haben, mit der sie sich über ihre Gefühle und Erfahrungen mit Geschlecht und Sexualität austauschen können. Demnach sind Labels dann gut und sinnvoll, wenn Menschen sie für sich selbst bestimmen können, aber nicht, wenn sie anderen unfreiwillig aufgedrängt werden.“ (vgl. Queer-Lexikon) Mein Label ist: „Queer / Pansexuell“.

Berühmte Persönlichkeiten zum Thema (vgl. Sicardo: Queer Heroes)

Freddie Mercury: Er hatte Beziehungen mit Männern und Frauen, weigerte sich aber, seine Sexualität öffentlich durch ein Label einzuschränken.

Frida Kahlo: Sie ist bekannt als bisexuelle Kommunistin und Feministin und  Künstlerin.

SIA: Die bekannte Sängerin macht keinen Hehl daraus, bisexuell zu sein.

Auch David Bowie hatte viele Label für sich, so bezeichnete er sich schon als „schwul, bisexuell, heterosexuell“, aber egal wie seine Definition letztendlich ist, er ist und bleibt eine Ikone für die LGBTQIA+ Community.

Label sind also wichtig für die Gesellschaft, um sich abzugrenzen, und manchmal auch für einen persönlich, um sich zu definieren. Aber was in diesem Zusammenhang ebenso wichtig ist:  Man muss sich nicht Labeln und Label können sich ändern. An dieser Stelle möchte ich gerne eine Aussage der Schauspielerin Kristen Stewart teilen. Sie bestätigte öffentlich ihre Bisexualität, sagte aber auch, dass sie der Überzeugung sei, dass die sexuelle Ausrichtung eines Menschen fluid – also fließend und nicht feststehend – sei.  Auch meine sexuelle Ausrichtung hat sich mehrmals in meinem Leben geändert.  Ich bin der festen Überzeugung, dass Label wichtig sind, manchmal notwendig, aber eben auch veränderbar – fluid.

In „When Katie met Cassidy“ von Own Voice-Autorin Camille Perri ist für Protagonistin Cassidy ziemlich klar, dass sie Frauen liebt und sich als lesbisch bezeichnet, aber für Katie hingegen ist das alles neu. Sie stellt ihre Sexualität  erstmals in Frage und geht ihren Gefühlen und Emotionen auf die Spur, nachdem sie merkt, dass sie sich zu Cassidy hingezogen fühlt. Bis vor kurzem war sie noch verlobt mit einem Mann, also dachte sie bis dahin auch, dass sie heterosexuell sei. Bis sie auf Cassidy trifft, die sie ganz schön aus er Bahn wirft.

Neben den beiden Protagonistinnen und der Hauptstory des Buches wird aber auch durch viele Nebencharaktere deutlich, wie vielfältig und wundervoll die LGBTQIA+ Community ist. Zusätzlich zeigt Camille Perri aber auch, mit wie viel Kritik und Vorurteilen sie noch immer zu kämpfen haben. In dem Buch, das leicht und humorvoll und in erster Linie eine sexy Romance ist, stecken zwischen den Zeilen also auch sensible Themen.

Außerhalb, aber auch innerhalb der Community habe ich öfter die Meinung gelesen oder gehört, dass sich Label nicht ändern können; dass, wenn ich zum Beispiel einmal sage: „Ich bin bisexuell“, dass diese Aussage nicht mehr revidierbar sei. In meinen Augen ist das nicht okay, denn kein Mensch sollte einem anderen seine Gefühle oder Empfindungen vorschreiben. Und so wie sich die Persönlichkeit eines Menschen im Laufe der Jahre ändern kann, kann es auch passieren, dass sich etwas an der Sexualität ändert. Wenn also jemand denkt und sagt: „Ich bin hetero“, wie Katie aus „When Katie met Cassidy“, dann aber zu einem späteren Zeitpunkt feststellt, dass sich das geändert hat, dann sollte das völlig okay sein.  Und andersrum genauso. Wenn jemand sich als homosexuell bezeichnet und irgendwann merkt, er kann sich damit nicht mehr identifizieren, dann ist auch das völlig okay.

Zum Abschluss möchte ich euch ein paar Stimmen zum Thema  „Queer / LGBTQIA+“ und „Labels“ dalassen. Ich habe in meinem persönlichen Umfeld Menschen unterschiedlichen Alters, Herkunft und Sexualität gefragt, was für Berührungspunkte sie zu diesen Themen haben:

Marina (25): „Ich habe keinerlei Berührungspunkte mit dem Thema „queer“.“

Cynthia (26): „Heutzutage sollte es legitim sein, dass man nicht heterosexuell ist. Ich selbst bin nicht hetero, aber ein Label habe ich nicht.“

René / @mrrenewe: „Für mich bedeutet Queer-sein das auszuleben, was man fühlt. Man sollte sich von niemandem ungewollt in eine Schublade stecken lassen, nur, damit das eigene Lieben für die Gesellschaft begreifbarer wird.  Die, die dich und deine Gefühle verstehen wollen, tun es, egal, wie queer und bold du bist.“

Franky (26): „Ich würde mich selbst mit dem Label schwul versehen, weil ich mich damit am meisten identifizieren kann. Queer sein bedeutet aber nicht nur schwul, lesbisch/bi, sondern ist so breit gefächert wie ein Regenbogen. Wer gern ein „Label“ für sich hat, wird da meist auch fündig, aber Liebe ist so vielseitig, dass man auf keinen Fall alles betiteln muss.“

Linda (31): „Queer sein bedeutet, ich selbst sein. Mein Label ermöglicht es mir, mich mit Menschen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben.“

Finja (25): „Ich habe mit dem Thema keinerlei Berührungspunkte. Ich wüsste auch um ehrlich zu sein nicht, wo ich mehr darüber erfahren könnte außer willkürlich zu googlen.“

Jessi (25): „Ich würde es jetzt nicht Erfahrung nennen, aber ich habe einige in meinem Freundeskreis, die sich damit beschäftigen. Und ich feire die Leute, die sich dafür stark machen und öffentlich für die Rechte usw. kämpfen, und vor allem auch aufklären.“

Disclaimer: Das Thema ist sehr komplex und groß und äußerst vielfältig. Eine Darstellung der Gesamtheit war mir im Rahmen dieses Artikels nicht möglich. Ich hoffe aber, ich konnte euch zumindest einen kleinen, wenn auch subjektiven Einblick gewähren. Falls ihr tiefer einsteigen möchtet, findet ihr zu diesem Thema viele Bücher. Einige Buchtipps findet ihr auf meinem Instagram-Kanal @rebeccas.leben.eben.

Quellenangaben:

  1. https://www.duden.de/rechtschreibung/bisexuell (Stand Mai 2020)
  2. https://www.duden.de/rechtschreibung/pansexuell (Stand Mai 2020)
  3. https://www.duden.de/rechtschreibung/queer (Stand Mai 2020)
  4. Diversity Glossar des Hochschulbüros für Chancenvielfalt der Leibnitz-Universität Hannover, https://www.chancenvielfalt.uni-hannover.de/fileadmin/chancenvielfalt/pdf/2018-02-07_Diversity_Glossar.pdf (Stand Mai 2020)
  5. https://www.duden.de/rechtschreibung/heterosexuell (Stand Mai 2020)
  6. Glossar des Queer-Lexikon: https://queer-lexikon.net/2017/06/08/label/ (Stand Mai 2020)
  7. Sicardi, Arabelle: Queer Heroes – 53 LGBTQ-Held*innen von Sappho bis Freddie Mercury und Ellen DeGeneres. Prestel junior, München, 2020