#METOO – INTERVIEW MIT MAREIKE VON CROW AND KRAKEN

›Schrei!‹ von Laurie Halse Anderson ist nicht nur die Autobiografie der Autorin, sondern das Buch setzt sich auch ausführlich mit sexueller Gewalt auseinander; die, die ihr selbst widerfahren ist, aber auch die, von der ihr berichtet wurde, u.a. von Leserinnen ihres ersten Buches, das von einer Teenagerin handelt, die vergewaltigt wurde und nun mit den gesellschaftlichen und persönlichen Folgen zu kämpfen hat.

Ich fühle mich nicht in der Lage über sexuellen Missbrauch und die Auswirkungen zu schreiben, da ich diesen nicht selbst erlebt habe. Mareike von crowandkraken.de hat sich jedoch bereiterklärt, über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt zu sprechen.

Erst einmal vielen Dank dafür, dass du so offen über deine Erfahrungen sprechen möchtest. Das hilft Survivors definitiv und könnte allen anderen zudem ein besseres Verständnis der Situation geben. Möchtest du damit starten zu erklären, welche Formen von sexuellem Missbrauch oder sexueller Gewalt dir widerfahren sind?

Viele denken bei sexualisierter Gewalt gleich an Vergewaltigung oder zumindest an den Versuch. Dabei geht sexualisierte Gewalt schon viel früher los, Berührungen sind dabei nicht zwingend erforderlich. Wichtig ist hierbei, dass es sich vornehmlich um Gewalt handelt. Das Sexuelle wird hineingebracht, um das gewalttätige Element zu verdecken und dieses als etwas Harmloses darzustellen. Die Gewalt wird sexualisiert, sie ist nicht sexuell. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil es hier um Macht geht, nicht um Anziehung oder Lustgewinn für beide Seiten.

Eine Frau hat mir einmal geschildert, wie ihr angeheirateter Onkel vor ihr masturbierte, während er ihr Pornos zeigte. Sie war damals 14. Das ist ebenso sexualisierte Gewalt wie Begrapschen, jemanden in die Ecke drängen und gegen den Willen küssen, oder eben wie Vergewaltigung.

Rückblickend habe ich, wie vermutlich die meisten weiblich gelesenen Menschen, eine ganze Bandbreite erlebt. Vergewaltigung war auch dabei. Mit den Folgen habe ich manchmal immer noch zu kämpfen.

Welche Taktiken halfen oder helfen dir, mit den Folgen dieser Dinge zu leben und diese vielleicht etwas erträglicher zu machen? Und welche waren vielleicht gar nicht hilfreich?

Ich bin ein ziemlich lauter Mensch, man könnte sagen, ich trage mein Herz auf der Zunge. Wenn mich etwas bewegt, positiv oder negativ, muss es in die Welt. Ich habe jedes Angebot genutzt, über meine Vergewaltigung zu sprechen, sei es mit Freund*innen und Familie oder eben in der Traumatherapie. Indem ich darüber rede, nehme ich der Tat den Schrecken, ich stelle sie nicht auf ein sprachloses, tabuisierendes Tableau, sie wird greifbar, sichtbar – und was ich sehen kann, kann ich angehen. Später habe ich erfahren, dass genau dieses Verhalten wichtig für die Traumaverarbeitung ist. Je öfter man darüber spricht, desto häufiger werden die entsprechenden Synapsen angesprochen. Das Erlebte wird mit der Zeit anders in die Neurophysiologie eingewebt und verliert seinen außerordentlichen Status. Bildlich gesehen ist die traumatische Erfahrung kein Schlagloch mehr, das einen von der Straße katapultiert, sondern wird nach und nach geflickt, bis nur noch ein leichter Huckel oder vielleicht sogar gar nichts mehr zu spüren ist.

Neben Reden hilft mir die Therapie, und vor allem das Schreiben. Auf meinem Blog habe ich schon ein paar Artikel veröffentlicht, ich twittere über das Thema, und ich habe ein Buch in Planung. Außerdem habe ich ein grandioses Umfeld, das mich immer auffängt, wenn es mir wegen meiner Vergewaltigung wieder schlecht geht.

Ganz wichtig ist mir aber zu sagen, dass dies meine Art ist, damit umzugehen. Andere Survivors haben andere Coping Mechanisms, die ihnen helfen. Die sind ebenso valide.

Gibt es etwas, was dich am momentanen gesellschaftlichen Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt stört?

Wo soll ich da anfangen? Mich stört so ziemlich alles.

Dass es Opfern so schwer gemacht wird, sich Hilfe zu suchen. Dass ihnen oft ausgeredet wird, jemanden anzuzeigen, ob sie sich denn im Klaren darüber seien, was es für den/die Täter*in bedeute, so einen schweren Vorwurf zu erheben.

In Deutschland herrscht immer noch vor allem Täter*innenschutz. Anstatt männlich gelesenen Kindern und Jugendlichen beizubringen, dass weiblich gelesene Menschen keine Objekte sind, die einzig und allein existieren, um Cis-Männern (sexuelle) Lust zu verschaffen, wird weiblich gelesenen Kindern und Jugendlichen beigebracht, nach Einbruch der Nacht dunkle Straßen zu meiden, eher die Straßenseite zu wechseln, sie bekommen von Müttern und Schwestern Tipps zur Selbstverteidigung … Wenn eine weiblich gelesene Person vergewaltigt wird, wird erstmal geprüft, ob sie glaubwürdig ist. Sie hatte zwei Bier getrunken? Einen kurzen Rock an? Sie trug Spitzenunterwäsche (die niemand sehen konnte …)? Dann wollte sie es, hat es zumindest herausgefordert, den Täter trifft keine Schuld. Der Fall mit der Spitzenunterwäsche ist übrigens kein überspitztes Beispiel, er ereignete sich letztes Jahr in Irland.

Wenn eine weiblich gelesene Person jemanden der Vergewaltigung beschuldigt, wird nicht gefragt »War er es?« sondern »Lügt sie?«

Die Schuld an einer Vergewaltigung wird schon im Vorfeld, während der Erziehung, potentiellen Opfern eingeimpft, und nach einem sexuellen Übergriff werden genau diese Parameter abgefragt. Wenn auch nur gegen einen »verstoßen« wurde, wird die betroffene Person diskreditiert.

Tipps, wie man sich zuverlässig vor sexuellen Übergriffen schützt, sind ein Märchen. Du kannst immer vor Sonnenuntergang zu Hause sein, nie trinken, seit deinem 5. Lebensjahr Karate machen. Und dann ist es eben doch der Mitbewohner deines Freundes, der dich alleine überrascht. Oder der Nachbar beim Gartenfest. Oder oder oder. Solche Tipps gaukeln zum einen eine trügerische Sicherheit vor, die einfach nicht gegeben ist, und zum anderen liegt die Verantwortung schon wieder bei den potentiellen Opfern. Die Täter*innen können sich im Zweifelsfall rausreden mit »Ich habe die Signale missgedeutet«.

Nein, gegen sexuelle Übergriffe muss woanders angesetzt werden. Angefangen damit, dass weiblich gelesene Personen nicht mehr objektifiziert werden, bspw. in der Werbung, weiter in der Erziehung, z.B. dass BH-Träger schnipsen oder von hinten einfach Aufmachen kein spielerischer Spaß ist, sondern unangemessen.

Was ist deine Meinung zur #metoo-Debatte, die ja schon eine ganze Weile andauert? Hat sie etwas bewegt?

Ja und nein. Auf der einen Seite hat sie dafür gesorgt, dass sexualisierte Gewalt offener besprochen wird, allerdings geht diese Debatte zumindest in Deutschland oft in die falsche Richtung. Gebraucht werden Ansätze, wie man Betroffene bspw. am Arbeitsplatz oder auf öffentlichen Veranstaltungen wie FIFA-Fanfesten oder dem Oktoberfest (67 Vergewaltigungen in zwei Wochen (2017) ist schon eine Hausnummer) besser schützen kann. Diskutiert wird, ob das »harmlose Flirten« in Gefahr ist und was man denn noch sagen dürfe, ohne gleich als übergriffig dazustehen. Klar, es gibt keine Pauschalantwort. Es kommt auf die Situation an, die involvierten Personen und deren Verhältnis zueinander. Trotzdem geht es in der Diskussion in den Medien weniger um (potentielle) Opfer, sondern eher darum, wie Veränderungen oder gar Verbesserungen für Betroffene das Leben Nicht-Betroffener einschränken (Spoiler: gar nicht!)

#metoo trägt dazu bei, dass sich Betroffene äußern können (leider auch nicht alle, denn es herrschen ganz bestimmte Bilder vor, WER sexuell belästigt werden kann, und wer grundsätzlich nicht), die Grenzen, was im sexuellen Bereich als Selbstverständlich gilt, werden neu verhandelt, es werden Ideen wie »Ja heißt ja« und, noch viel besser, »Nein heißt Nein« vorgestellt. Die Notwendigkeit, über sexualisierte Gewalt zu sprechen, über Grenzen und Grenzbereiche, Machtverhältnisse und Strukturen, wurde immer deutlicher. Diesem Bedürfnis wird meiner Meinung nach immer noch zu wenig Rechnung getragen. Über Konzepte wie »Nein heißt Nein« wird spöttisch-abfällig berichtet, dafür gibt es jetzt Flirttipps, mit denen Angesprochene nicht zur Personalleitung gehen können. Das eigentliche Anliegen von #metoo wird wieder in den Hintergrund gedrängt, es wird immer weniger darüber gesprochen.

Sollte ich jetzt Bilanz ziehen, was #metoo in Deutschland wirklich erreicht hat, ist das faktisch gesehen erschreckend wenig. Weder die Gesetzeslagen wurden überarbeitet, noch gibt es Konzepte zum besseren Opferschutz oder bundesweite, obligatorische Weiter- oder Ausbildungen für Polizist*innen, die zum Tatort eines sexuellen Übergriffs gerufen werden. Es gibt noch viel zu tun. Aber Dank #metoo ist das Bewusstsein endlich dafür da, so viel wurde erreicht. Jetzt muss man aber nicht mehr nur mit betroffener Miene nicken, wenn ein Opfer sexualisierter Gewalt von den eigenen Erfahrungen spricht, sondern sich auch dafür einsetzen, dass sich etwas ändert. Verbessert. Denn seien wir mal ehrlich, auf diesem Feld können wir nur gewinnen.

Vielen Dank, dass du dich meinen Fragen gestellt hast und mich diese veröffentlichen lässt. Danke für deine ehrlichen Worte.

Ein Beitrag von Anna von www.inkofbooks.com