LET’S TALK ABOUT FRIENDSHIP – WANN FREUNDSCHAFT EINE BEWUSSTE ENTSCHEIDUNG WURDE

Dass Freundschaft ein kompliziertes Thema ist, war mir nicht immer bewusst. Früher habe ich jede Person, die nett zu mir war und die ich auch selber mochte, bedingungslos in meinem Freundeskreis aufgenommen – ohne diese Menschen so wirklich zu kennen. Wir treffen uns, weil wir beide die gleiche Stammkneipe besuchen und du um zehn Ecken meinen Kumpel Christian kennst? Hey, komm rum und setz dich zu uns! Du bist der Anhang von irgendwem auf einem Festival? Ich muss dich unbedingt kennenlernen! Mal hat das gut funktioniert, mal nicht. Die Leute kamen und gingen. Mit einigen von ihnen bin ich auch heute noch befreundet, andere sind wortwörtlich in einen Zug gestiegen und wurden seitdem nie wieder gesehen.

Freundschaft? Kein Thema.

Es war immer leicht, sich mit mir anzufreunden. Das brauchte nicht einmal gemeinsame Interessen. Manchmal reichte es eben schon, wenn jemand die gleichen ausgelatschten Converse Chucks wie ich trug. Irgendwann änderte sich dieses Empfinden jedoch drastisch. Hatte ich damals noch von meinen guten Freunden erzählt, wurde mir nach und nach bewusst, dass die meisten von ihnen eigentlich nur irgendwelche belanglosen Bekanntschaften waren. Ich war völlig übersättigt von Freundschaften und zählte zehn oder fünfzehn Freundeskreise auf, in denen ich mich bewegte. Mit den meisten Leuten hatte ich wirklich nur Kontakt, wenn ich sie auf Partys oder in unserer Stammkneipe traf. Klar, damals schrieb man vielleicht noch ein oder zwei nette Worte über StudiVZ oder Myspace, aber es blieb immer irgendwie oberflächlich. Trotzdem dachte ich, dass diese Menschen nicht einfach nur Bekannte waren, denn dafür verstanden wir uns ja viel zu gut!

Heute weiß ich nicht mal, ob sie noch in der gleichen Stadt wohnen, geschweige denn, was sie beruflich machen oder wie alt sie überhaupt sind. Diese Freundschaften liefen einfach so ins Nichts und es störte mich nicht einmal.

Als sich mein Freundeskreis später immer mehr minimierte, wurde ich aber auch skeptischer, wenn neue Leute dazu kamen. Kennt man ja wahrscheinlich: irgendwer bringt eine neue Freundin mit auf die Party oder der Besuch aus Berlin kommt mit zum Spieleabend, weil das ja vielleicht ganz nett sein könnte. Ich baute eine richtige Abwehrhaltung dagegen auf. Neue Menschen in meinem Freundeskreis? Ne! Nicht, dass mir nachher noch jemand meine Freunde wegnahm! Dass diese Einstellung total albern war, begriff ich auch erst später, nachdem ich mich mit der neuen Flamme eines Kumpels tatsächlich so gut verstand, dass es mir nach der Trennung der beiden mehr das Herz brach als ihm.

Freundschaft? Noch in Bewegung.

Heute, viele Jahre später, würde ich sagen, dass ich zwar immer noch viele Bekannte habe, aber so ziemlich genau nur einen engen Freundeskreis. Interessanterweise sind darin aber auch Leute, die ich noch aus meiner Oberstufenzeit und damit seit über vierzehn Jahren kenne. All diese Menschen wohnen in meiner unmittelbaren Nähe. Haben wir uns deshalb nie aus den Augen verloren? Die klare Antwort: nein, daran liegt es nicht. Einige meiner Freunde waren im Laufe der Jahre für eine längere Zeit im Ausland und auch ich war ein halbes Jahr 700 Kilometer von meiner Heimat entfernt. Auch wenn wir uns nicht immer sehen konnten, hatten wir trotzdem Kontakt und fielen uns in die Arme, wenn wir wieder aufeinandertrafen.

Wir kümmerten uns umeinander. Wie eine kleine Familie. Ich konnte mich stets mit meinen Alltagsproblemen an sie wenden und im Gegenzug hörte ich zu. Wie Jo Schück in seinem Buch „Nackt im Hotel – Wie Freundschaft der Liebe den Rang abläuft“ ebenfalls betont: „Kümmer dich um diejenigen, die dir wichtig sind (und denen du wichtig bist).“

Aber das bisschen Umsorgen und Betüddeln reichte nicht. Wir mussten als Freundeskreis wachsen und zulassen, auch andere Menschen in unsere Mitte zu lassen: Es kamen neue Leute hinzu, manche gingen. So wurde nicht nur unser Band gefestigt, es entwickelten sich auch stets neue Ideen, was wir unternehmen wollten und entdeckten so viel Neues. Wie Hobbys. Ich spiele mit genau diesen Menschen seit einiger Zeit das Pen and Paper Rollenspiel Dungeons and Dragons. Wir sind eine große Gruppe und ähnlich wie unsere fiktiven Abenteurer haben wir durch einen gemeinsamen Nenner zueinander gefunden und halten zusammen.

Freundschaft? Eine bewusste Entscheidung.

Gruppendynamik war bei mir früher genau so ein Thema wie das Konzept einer besten Freundin oder eines besten Freundes. In der Schule hatte ich erst eine beste Freundin, dann kam eine zweite dazu und wir waren eine ganze Zeit lang ein unumstößliches Dreiergespann. In der Oberstufe hatten wir kaum noch miteinander zu tun und die beiden machten einer neuen besten Freundin Platz. Dabei dachte ich immer, diese besten Freundinnen wären fürs Leben. Aber auch sie kamen und gingen, wie meine belanglosen Bekanntschaften. Was uns zu den best buddies not for life machte? Wir hatten in einem bestimmten Zeitraum sehr viel Kontakt miteinander, ähnliche Interessen und hingen in der Schule und außerhalb ständig aufeinander rum. Nachdem wir jedoch andere Schulen besuchten, war es nach einigen Versuchen, die Freundschaft aufrecht zu erhalten, allerdings aus. Man hatte keine Zeit mehr füreinander – und das war okay.

In der Oberstufe lernte aber auch ich jemand Neues kennen, der letztendlich nicht nur mein neuer bester Freund wurde, sondern meiner Definition von Freundschaft eine völlig neue Bedeutung gab und – Überraschung – auch heute noch an meiner Seite ist. Im Laufe meiner Studienzeit wuchsen mir einige Menschen immer mehr ans Herz, sodass ich irgendwann gar nicht mehr sagen konnte, wer jetzt meine beste Freundin und wer nur eine gute Freundin war. Diese Katalogisierung empfinde ich heute als völlig sinnfrei, damals war sie mir aber wichtig, um in einem großen Dschungel aus vielen Freunden irgendwie den Überblick behalten zu können.

So war mir auch nie bewusst, dass ich durchaus das Recht hatte, Leute auch mal absichtlich in den Wind zu schießen. Freunde blieben damals immer Freunde, bis sie eben wegzogen oder der Kontakt online abbrach. Aktiv mit Freunden Schluss machen, wie in einer Beziehung, traute ich mich nie. Da musste das Fass schon wirklich richtig überlaufen – zweimal tat es das sogar und ich beendete den Kontakt nach langen Diskussionen. Mittlerweile erschreckt es mich richtig, wie viele Leute ich ständig an mich herangelassen hatte. Vermutlich muss man selber auch erst einige Erfahrungen sammeln, um zu lernen, wen man wirklich als Freunde bezeichnen kann und wen nicht, und um sich bewusst zu machen, dass es durchaus okay ist, sich von Menschen zu verabschieden, die einem nicht gut tun.

Ich bin froh, dass ich viele Freunde habe, die mich schätzen und die mir gut tun. Aber rückblickend betrachtet bin ich genau so froh über die negativen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Denn so kann ich mit Gewissheit behaupten: meine Freunde sind meine Familie – die ich mir selbst ausgesucht habe.

Ein Beitrag von Lea von www.liberiarium.de