INSTAGRAM POETRY

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Die sozialen Netzwerke, allen voran Instagram, sind überflutet mit emotionsgeladenen Vierzeilern und Kurzgedichten. Mal schlicht auf weißen Hintergrund gesetzt, mal illustriert, mal mit Bildern kombiniert bewegen diese Worte die virtuelle Welt.

Sucht man heute auf Plattformen wie Instagram nach dem Hashtag #poetsofinstagram, liegt das Ergebnis bei derzeit 7,5 Millionen Beiträgen. Verschiedenste User aus aller Welt äußeren in wenigen Zeilen ihre Gedanken und Gefühle über Liebe, Erwachsenwerden, Freundschaft und jene Zwischenstände, die damit einhergehen: Hoffnung, Angst, Verlust, (Trennungs)schmerz, die ganz große Verliebtheit, Betrug – bis hin zu schweren Themen wie sexueller Missbrauch und Gewalt. Die Abonnentenzahl dieser Kanäle ist beeindruckend hoch und liest man sich die einzelnen Kommentare unter den Posts zu, gleichen sie einem Aufschrei.

Sorgsam in Worte verpackte und niedergeschriebene Gefühle – ist es das, was wir gerade so dringend brauchen?

Ich wage an dieser Stelle mal mit dem Kopf zu nicken. Emotionen zu formulieren und sie mit anderen zu teilen galt in meinen Kreisen, wo jedermann so sehr damit beschäftigt ist, einen breit gefüllten Lebenslauf hinzulegen, viel zu lange als ein Zeichen von Schwäche. Es wurde so viel Pflaster in Form von Ablenkung über echte Wunden gelegt, dass eines ganz vergessen wurde: Es ist vollkommen in Ordnung sich ab und an verdammt beschissen und verloren zu fühlen. Uncool? Nein, vielmehr traurig, dass das Teilen ehrlicher Gefühle zu so einem schweren Thema geworden ist. Oder: Einfach keinen Platz zu haben scheint.

In jenen Phasen in denen ich in den letzten Jahren am Straucheln oder mutlos war und das Gefühl brauchte, dass mich da draußen irgendjemand versteht, war ich den Poets of Instagram ziemlich dankbar. In der Mediathek meines iPhones befinden sich noch immer zahlreiche Screenshots, die ich ab und an hervorkrame – um mich selbst zu motivieren oder sie an einen Freund zu schicken, dem es gerade ähnlich geht.
Doch wer steckt eigentlich hinter diesen Kanälen und Zeilen? Eine der ersten Poeten war Rupi Kaur. Mit ihrem Gedichtband ›Milk and Honey‹ landetet die gerade mal 26-jährige mehrere Wochen auf der New York Times Bestsellerliste. Für die Kanadierin begann tatsächlich alles zunächst auf Tumblr gefolgt von Instagram bis dann schließlich ein Buchverlag nach dem anderen auf sie zugetreten ist. Heute gilt sie als ein Sprachrohr dieser Generation.

Rupi Kaur hat bei mir einen Nerv getroffen, weil sie über Themen schreibt, die empfindlich, ja schon fast tabu sind: die weibliche Periode, Bodyshaming, die Erwartungshaltung an Frauen im Allgemeinen, die Folgen von sexuellem Missbrauch und Unterdrückung. Dinge über die es schwer fällt in der Öffentlichkeit zu sprechen, was aber so sehr vonnöten wäre. Warum vonnöten?
Darauf eine Frage zurück: Wie soll denn irgendjemand da draußen verstehen, was du an Gefühlsbergen jeden Tag mit dir rumschleppst, wenn du sie nur immer von dir wegschiebst in der Hoffnung, sie würden verschwinden? Kein Wunder also, dass diese mutig formulierten Zeilen auf Zuspruch stoßen und noch viel wichtiger: auf Dankbarkeit.

Da ist plötzlich jemand, der genau das schwarz auf weiß zu Papier bringt, was dich Tag ein Tag aus beschäftigt.

Rupi Kaur war ein Beispiel dafür, dass Poesie, veröffentlicht in der virtuellen Welt, die einem den nötigen »Schutz« dazu bietet, Lauffeuer auslösen kann.

Eine Sache, die mir sehr wichtig ist an dieser Stelle zu sagen: Veröffentlichungen wie diese sind eine Chance und verdienen hochgradig Respekt. Weil sie beiden Seiten helfen: Denen, die sich darin wiederfinden und jenen, die versuchen wollen diese Thematiken zu verstehen.

Atticus
© Bryan Adam Castillo Photography


Ein weiterer, der sich innerhalb kürzester Zeit in die Herzen vieler geschrieben hat, ist Atticus. Unter dem Usernamen @atticuspoetry verfolgen mittlerweile über eine Million Abonnenten, was den Kanadier bewegt. Darunter befinden sich auch diverse Schauspielergrößen wie Emma Roberts.

Der gebürtige Kanadier schreibt über den ersten flüchtigen Blick einer neuen Liebe, Nacktbaden in einer lauen Sommernacht, nächtliche Autofahrten oder darüber ein Glas alten Whiskey zu trinken, während die Sonne in der Wüste untergeht.

Atticus’ Zeilen motivieren, machen nachdenklich und verleiten Models wie Karlie Kloss sie auf ihrem Instagram Profil zu teilen: »Never go in search of love, go in search of life and life will find you the love you seek«.

Sein erster Gedichtband ist nun auf Deutsch erschienen und trägt den Titel ›Love – Her – Wild‹.

(c) Annika Wagner