FÜR TAGTRÄUMER UND NACHTDENKER. GEDICHTE & NOTIZEN FÜRS HERZ.

Lyrik nervt – das war lange der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, wenn ich das Wort »Gedicht« hörte. Unwille breitete sich wie ein Lauffeuer in mir aus und ich fühlte mich viele Jahre zurückkatapultiert. Dann saß ich wieder im Klassenzimmer und starrte auf ein Blatt Papier, bedruckt mit Versen, die ich interpretieren sollte. Auch wenn ich das Metrum bestimmen und das Enjambement deuten konnte, versteckt sich der tiefere Sinn angeblich irgendwo zwischen Alliterationen und Hyperbeln. Ich fand es furchtbar, die Werke zu sezieren und sie Wort für Wort auseinanderzunehmen, um sie anschließend bis ins Letzte zu diskutieren. Dazu kam, dass die Interpretationen bewertet und immer wieder rot angestrichen wurden, weil der Autor sich scheinbar etwas anderes dabei gedacht hatte als ich. Nur woher weiß man, was der Autor wirklich gemeint hat?

In dieser Zeit war ich verunsichert, habe mich gefragt, ob Gefühle falsch sein können, die man beim Lesen eines Textes empfindet. Jeder von uns hat verschiedene Erinnerungen, Erlebnisse und Triggerpunkte, die Assoziationen erzeugen. Ich möchte hier nicht Lehrer anprangern, denn ich hatte überwiegend tolle Deutschlehrer. Trotzdem war ich irgendwann nur noch missmutig, unglücklich und genervt, wenn Gedichtinterpretationen auf dem Lehrplan standen.

Erst neulich habe ich wieder bemerkt, dass es anderen Menschen in meinem Umfeld ähnlich ging. Als ich von diesem Artikel erzählt habe, war die ablehnende Haltung gegenüber Gedichten deutlich spürbar. Obwohl die Lyrik jahrhundertelang die wichtigste Literaturgattung war, scheint sie inzwischen ein Imageproblem zu haben und der erzählenden Literatur hinterherzuhinken. Das wird auch deutlich, wenn man die Umsatzanteile im Bereich Belletristik betrachtet, denn lediglich 1,3% machen Lyrik und Dramatik aus.*

Stirbt die Lyrik?

Trotz der negativen Assoziationen und der Zahlen ist Lyrik ständig unbemerkt präsent. Wir hören sie in Form von Songs, auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule oder Uni, oder beim Sport. Sie lässt uns abschalten, beruhigt oder animiert zum Mitsingen. Oft taucht sie in der Werbung auf oder man findet sie bei Poetry Slams.

Richtig bewusst bin ich aber zum ersten Mal wieder auf Social Media mit Gedichten in Berührung bekommen. Ich weiß gar nicht mehr, wie es dazu kam, dass ich mich plötzlich auf dem Account von Atticus wiederfand, der auf Instagram hunderttausende Menschen begeistert. Mit Gedichten. Dem maskierten Poeten gelang es, auf dem schnelllebigen Medium die Ablehnung in mir bröckeln zu lassen.

Atticus fängt kleine und große Augenblicke mit wenigen Worten ein und beschreibt viele Alltagssituationen und Lebenslagen, in denen ich mich wiederfinde. Seine Gedichte malen oft Bilder im Kopf, erzeugen die unterschiedlichsten Emotionen und schicken die Gedanken auf Wanderschaft. Sie laden zum Träumen ein, wecken die Abenteuerlust und den Wunsch, das Leben mit all seinen Facetten zu genießen. Obwohl die Gedichte oft kurz sind, strahlen sie viel Positivität und Lebendigkeit aus, die ansteckend wirken und mitreißen.

Inzwischen stehen mehrere Bücher von ihm in meinem Regal und immer wieder schmökere ich darin und denke oft noch Tage später über seine Worte nach.

In seinem neuesten Buch, »The Truth About Magic«, hat er mich bereits mit dem Vorwort zu verzaubert.

„Dieses Buch ist für
die Tagträumer,
die Nachtdenker,
die Nacktbadenden im Sommer.
Für jeden, der einmal gesagt hat:
„Die Nacht ist jung.“
Für jeden, der den Sonnenuntergang betrachtet hat
an einem Strand
weit weg von zu Hause
aber vor allem
ist es für euch
stille Menschen
auf Partys,
die ihr aus Fenstern seht
und euch wundert,
über die Sterne.“

Wenn ich die Zeilen des Autors lese, dann geht es nicht wie in der Schule darum, ob ich seine Worte richtig oder falsch interpretiere. Ich muss sie nicht analysieren, sondern kann mich von den Gefühlen treiben lassen, die sie auslösen. Dadurch verblassen unliebsamen Erinnerungen aus der Oberstufe langsam und geben der Lyrik wieder eine Chance. Sie ist nicht tot, sondern trifft viele begeisterte Fans von Atticus mit ihrer modernen und magischen Art mitten ins Herz.

Ein Beitrag von Lily @lilys.wortwelt

*Quellenangabe:  https://de.statista.com/statistik/daten/studie/166964/umfrage/umsatzanteile-belletristik-im-buchhandel-nach-sparten/