EXPECTATION VS. REALITY – WARUM ES GESUND IST, ERWARTUNGEN VON FRÜHER DEN RÜCKEN ZU KEHREN

In genau einem Monat werde ich 31. Damit überschreite ich die gefährliche Zone der „großen 30“, das Alter, mit dem sich alles ändern sollte. Das Alter, das viele meiner Freundinnen oder Freundinnen meiner Schwester früher schon zum Zittern brachte, wenn alle plötzlich so verheißungsvoll „Ooooh, 30!“ raunten.

Doch woher kommt das überhaupt? Warum haben die Generationen vor uns beschlossen, dass eine Zahl die Messlatte für alles ist, was uns im Leben wichtig ist? Ein Alter wie eine Bestandsaufnahme – was macht der Körper, was macht die Liebe, was machen die Kinder? Wie, noch keine Kinder? Oh, da wird’s aber Zeit. Ich bin es leid. Ich bin es leid, dass sich die Zeiten so krass ändern, aber das Denken von so vielen um uns herum immer noch im Gestern steckt.

Mit 18 steuerte ich gerade aufs Abitur zu, die Gewissheit über meine privaten Träume sicher in der Tasche. Erst Studium, dann Job, irgendwann heiraten und mit spätestens 28 dann vielleicht schon ein, zwei Kinder haben. Dann kam der erste große Heartbreak. Dann kamen Partys, dann kam Alkohol, dann Veränderungen, mit denen ich damals niemals gerechnet hätte. Neue Städte, neue Freundschaften, neue Beziehungen, in denen es mir oft nicht gut ging, ich mich aber trotzdem festklammern musste an diesem Ich-mit-18-Traum. Es gab einen Zeitplan, eine Richtung, die es einzuhalten galt.

Mit 25 verließ ich nach langem, innerem Kampf eine toxische Beziehung und danach auch gleich die Stadt. Neustart im Norden, eine neue Ausbildung, eine völlig neue Richtung. Eine, die mich in gewisser Weise zu dem Mann geführt hat, der mich seit fünf Jahren begleitet und mit mir einen Weg geht, dessen Ziel frei und offen ist, statt bedrohlich blickend auf die Lebensuhr zu tippen. Aber viel wichtiger: Ich verließ nicht nur eine toxische Beziehung zu einem anderen Menschen, sondern auch zu mir selbst. Zu meinen Erwartungen an mich selbst, zu Gedankenkarussels, zu „Ich muss besser sein“, zu „Ich muss dankbar sein“ und zu „Ich bin das Problem“.

Heilen ist ein Prozess. Eine Entscheidung ist das Pflaster, das du abziehst. Die Zeit danach die Wunde, die du pflegen musst. Und es ist völlig egal, ob das mit 18, 25, 30 oder wann auch immer passiert. Neustarten ist kein Scheitern. Neustarten ist keine Schwäche, sondern eine verdammte Stärke – nämlich die, Schwäche zu akzeptieren und anzunehmen, statt sich von ihr in die Enge treiben zu lassen. Doch auch bis es zu diesem einen Schritt kommt, zu diesem eine Moment, in dem dir klar wird: Ab jetzt wird nichts mehr so wie es vorher war – auch der Weg dahin kann dauern. Und er geht niemals geradeaus, er verläuft niemals nur auf glattem Asphalt, er führt dich über Berge und durch Gewitter, zwingt dich mit Gegenwind kurzzeitig zum Rückzug oder gibt dir ohne Orientierung das Gefühl, überhaupt nicht vom Fleck zu kommen.

In „War’s das jetzt?“ von Holly Bourne erlebt die Protagonistin Tori genau so einen Prozess. Tori ist Anfang 30, erfolgreiche Bloggerin und Autorin, die Millionen Leserinnen täglich inspiriert. Und sie ist eigentlich auch happy in ihrer Langzeitbeziehung mit Tom, ihrem „Felsenmann“. Doch Tori steckt fest, irgendwo in ihrem Leben von vor ein paar Jahren. Ihr Verlag erwartet ein neues Buch, ihre Fans fragen nach Tom und Tori lächelt – klar, alles super. Was sie niemandem sagt, ist, wie groß ihre Angst wirklich ist. Die Angst davor, nicht mehr genug zu sein, weder für ihre Follower*innen noch für ihren Freund, der sie kaum mehr anschaut oder anfasst und nicht mal im Ansatz über die Zukunft spricht. Um Tori herum jedoch dreht sich alles weiter: Freundinnen heiraten und kriegen Kinder, teilen ihr Glück auf Facebook und Instagram und alles, was Tori hat, sind Zweifel. Denn da ist doch diese Leiter, auf der wir alle hängen, um uns Schritt für Schritt nach oben zu kämpfen. Bloß nicht abrutschen, bloß mit 30 nicht nochmal von vorne anfangen. Aber – warum eigentlich nicht?

Dieses Buch und die Geschichte von Tori haben mich daran erinnert, wie wichtig Befreiung sein kann. Sich befreien von Zweifeln, von Erwartungen anderer, von eigenen Gedankenkonstrukten, in denen man sich ganz leicht verfangen kann. Befreien von toxischen Beziehungen, von Menschen, die zu viel Energie rauben und von dem Druck, etwas Bestimmtes zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht haben zu müssen. Es hat mich an mich erinnert, mit 18 und 25 und daran, dass ich auch genau jetzt gerade wieder in so einer Phase steckte, ohne es gemerkt zu haben. Und dass es höchste Zeit war, das Pflaster zu ziehen.

Vergesst nicht: Es tut kurz weh, aber danach lange gut. 

Ein Beitrag von Anne von @fuxbooks