DAS PERFEKTE LEBEN? WARUM ES WICHTIG IST, DASS WIR AUCH ÜBER DIE SCHATTENSEITEN SPRECHEN

„Wenn aus Funken Flammen werden“ von Abby Jimenez ist ein wirklich humorvolles Buch, das mir richtig schöne Lesestunden geschenkt hat. Ich habe gelacht, getrauert und in vielen Situationen konnte ich die weibliche Protagonistin Kristen sehr gut verstehen. Kristen schleppt von Anfang an ein Päckchen mit sich herum, von dem sie niemandem erzählen kann. Obwohl es rund um die Uhr ihre Gedanken beherrscht, schafft sie es einfach nicht, sich zu öffnen und frei heraus mit anderen darüber zu sprechen. Andere auf Abstand zu halten, erscheint ihr der leichteste Weg zu sein, dieses Problem einfach zu umgehen, auch wenn sie sich dadurch eher distanziert und keine richtigen Beziehungen zu anderen mehr aufbauen kann. Ich habe mir nach Beenden des Buchs einige Gedanken zum Thema Gesellschaftsdruck gemacht. Wie kommt es, dass es uns häufig wahnsinnig schwerfällt, über Probleme zu sprechen? Wieso können wir uns oftmals nicht eingestehen, dass etwas komplett falsch läuft? Wieso bewahren wir nach außen einen Schein, um dann selbst mit unseren Problemen klar zu kommen, obwohl wir oft merken, dass man da allein gar nicht weiter kommt?
Ein großer Grund dafür ist mit Sicherheit die Erwartungshaltung der Gesellschaft. Es gibt bestimmte Stationen im Leben, die von der Allgemeinheit erwartet werden. Schulabschluss, Ausbildung oder Studium, Arbeit finden, dann aber möglichst bald heiraten, Kinderkriegen und glücklich mit der Familie zusammen das Leben genießen. Obwohl unser Verstand diese Vorstellung mittlerweile ganz gut hinterfragen kann und weiß, dass es auch viele alternative Wege gibt, ist die Idee noch immer so in den Köpfen der Gesellschaft verankert, dass es auffällt, wenn jemand nicht diesen Normen entspricht. Ich habe neulich auf Instagram mal eine kleine Umfrage gestartet und wollte wissen, in welchen Situationen sich die Leute gesellschaftlich unter Druck gesetzt fühlen. Fragen, die sehr häufig gestellt werden, die andere aber häufig in Bedrängnis bringen, sind zum Beispiel folgende: Wie geht es bei dir nach der Schule weiter? Was fängt man denn mit diesem Studiengang später an? Wo möchtest du denn dann mal arbeiten?
Viele wissen auf diese Fragen einfach (noch) keine Antworten, was völlig okay ist. Ich weiß auch noch nicht, was ich nach meinem Studium mache. So what? Früher oder später werde ich es herausfinden. Allerdings wird durch das immer wiederkehrende Auftauchen dieser Fragen suggeriert, dass man es eigentlich doch schon wissen sollte.
Ebenfalls sehr häufig bei der Umfrage vertreten waren Fragen rund um das Thema Beziehung, Heiraten und Kinderkriegen. Oftmals merken die Leute gar nicht, wie übergriffig und unsensibel diese Fragen sein können. Oftmals kennt man weder die aktuelle Situation der anderen noch die Gründe für deren Entscheidungen. Es gibt so viele Gründe, warum Frauen keine Kinder kriegen (können / wollen). Viele, viele Frauen haben Schwierigkeiten, schwanger zu werden und leiden darunter. Immer wieder mit dem Thema konfrontiert zu werden, zieht einen natürlich immer weiter runter. Aber auch andere Gründe spielen natürlich eine wichtige Rolle: Geldsorgen, Karrierewunsch, unpassende Zeit oder sich bewusst gegen Kinder zu entscheiden. Wieso merken die Leute nicht, dass manche Fragen einfach unpassend sind?
Ich glaube, die allermeisten denken sich gar nichts dabei. Sie wollen vielleicht ein bisschen Smalltalk machen und haben keine gemeinen Absichten. Vielleicht sollten wir einfach häufiger direkt ansprechen, wenn uns eine Frage stört. Oft versucht man doch irgendwie eine Antwort zu finden, die den/die Andere/n halbwegs zufrieden stellt. Hauptsache der Schein wird nach Außen gewahrt, man versucht so zu wirken, als hätte man einen Plan, als wüsste man, wie die nächste Zeit laufen wird. Als wäre man stark und unabhängig. Ängste, Bedenken oder andere Probleme werden eher verschwiegen oder komplett verdrängt. Dass dies natürlich langfristig keine gesunde Art ist, wissen wir. Aber die Gründe für die Tatsache, dass es uns schwerfällt, Probleme anzusprechen und anderen einzugestehen, sind zahlreich.
Es ist eine Art Teufelskreis: da wir von anderen meistens nur das mitbekommen, was richtig gut läuft, entsteht gleichzeitig der Druck, ebenfalls Positives zu berichten. Entweder es ist das Gefühl, andere mit seinen eigenen Problemen zu belasten. Man möchte niemanden mit reinziehen und versucht deshalb lieber selbst irgendwie zurecht zu kommen. Ein anderer Grund ist, dass wir denken, unsere Probleme wären zu klein, als hätten wir kein Recht, uns über kleine Dinge den Kopf zu zerbrechen.
Aber wer bestimmt schon, wie groß sich ein Problem anzufühlen hat? Was für den einen gar kein Problem bedeutet, ist für den anderen eine große Sache. Wir müssen also lernen, emphatischer zu werden. Versuchen, uns in den anderen hineinzuversetzen, auch wenn wir das Problem vielleicht nicht nachvollziehen können. Das ist mit Sicherheit eine große Gabe, die nicht jedem leichtfällt.
Hattest du schon mal das Gefühl, mit einem Problem ganz allein da zu stehen? Ich denke, jeder kennt dieses Gefühl. Ich rate dir, einfach mal dein Problem in Google einzugeben und du wirst merken, dass es ganz viele Menschen da draußen gibt, die das Gleiche durchmachen. Wie schön wäre es, wenn man diese Menschen auch im echten Leben treffen würde, damit man sich austauschen und unterstützen kann? Wenn wir offener über Dinge sprechen, werden wir mit Sicherheit auch Menschen finden, die uns helfen wollen. Vielleicht könnte das eine Challenge an jeden einzelnen von uns sein? Offener werden. Probleme, bei denen wir an unsere Grenzen stoßen, ansprechen und Hilfe annehmen. Auch Kristen hat dies im Laufe der Zeit gelernt …

Ein Beitrag von Lara von @_bookaholicgroup_